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3. Januar 2015

Glasklare Gedanken

Manchmal kommen kurze Momente, wo ich das Gefühl habe, dass ich glasklar denken kann, wo kein Nebel vor all den Sachen im Leben schwebt, wo pure Reinheit herrscht, und mir mit voller Wucht bewusst wird, dass dieses reale Leben nur ein hiesiger Schein ist.
Manchmal steht die Welt still und für einen Bruchteil ist da dieses Andere.
Einen Moment voller Sehnsucht, voller Traurigkeit, voller Erkenntnis. Ein Geistesblitz von Erinnerungen, Erinnerungen an einer anderen Welt, nichts konkretes. Eine Welt voller Liebe, Unbeschwertheit, voll mit positiven Dingen, wie wir sie hier nicht mal erahnen können.
Tausend Fragen auf einmal wirbeln durch mein Kopf, hundert Gefühle durch meinen Körper. Ich scheine sekundenhaft nicht zu existieren, zumindest nicht in der realen Welt. Alles ist ganz leise, die Ferne zieht mich weg.
In Worte kaum zu fassen, unmöglich alles zu fühlen, nur für wenige Sekunden.
Die Sehnsucht rauscht durch mich, die Traurigkeit übermannt mich und zuletzt bleibt nur die Erkenntnis.
Dass dort etwas ist.
Weit entfernt, nicht in Zahlen zu messen, nicht greifbar.
Analysieren bringt nichts, der Verstand ist zu unfähig. Mein Gehirn kann nicht verarbeiten, mein Körper kann nicht fassen. Und doch ist er da, dieser Moment, diese Stille, wenn mich etwas in die Ferne zieht.
Glasklare Gedanken, so nenne ich es.
Fernab von allem. Sie lassen mich erahnen, dass das hier nicht alles ist, zeigen mir auf ihre ganz besondere Art, die eigentlich nur verwirrt, dass da was anderes existiert. In den kostbaren Momenten fühle ich mich vollkommen, ich bin alles. Sämtliches verliert seinen Wert. Kein Urteil, keine Spalten, keine Kämpfe. Nichts.
Nur ein Hauch, ein millimales Gefühl, nicht für diese Welt bestimmt.

2. Dezember 2014

Das kalte Versteck

Der Platz ist überfüllt. Überall leuchten schon die bunten Lichter, die für Weihnachtsstimmung sorgen sollen. Am Rathaus hängen zig kleine LED-Lämpchen, die das ganze Gebäude verzaubern.
Ich lasse meinen Blick umherschweifen, und registriere die Veränderung. Alles wirkt wie poliert, lockt an und manipuliert. Der Platz schreit nach Konsum, und die Menschen sind willig, zu handeln.
Jedes Jahr. In jeder Vorweihnachtszeit.
Ich kauere geduckt in einer Ecke unter Tischen, suche Schutz vor der Kälte und dem Gefährlichen. Ich rieche Glühwein, der in der Nähe ausgeschenkt wird.
Etwas zieht sich in meinem Unterleib zusammen und mich überkommt ein Gefühl der tiefen Traurigkeit und Sehnsucht. Sehnsucht nach diesem Leben, was die anderen Menschen leben. Welches ich bis vor kurzem auch noch lebte. Traurig erinnere ich mich zurück, wie sehr ich mich immer auf die Weihnachtszeit gefreut habe, wie sehr ich die bunte Welt mochte, wie gerne ich mich ebenfalls in diese Welt hab ziehen lassen.
In meinem Hals entsteht ein dicker Kloß und ich ziehe die Arme fester um mich.
Ich schaue zum Rathaus und nehme die Uhr im Blick. Die Zeit vergeht so langsam. Geduld, geht es mir immer wieder durch den Kopf.
Ich denke an ihm, und hoffe, dass es ihm gut geht, hoffe, dass alles klappt, was auch immer klappen muss. Er war so zuversichtlich, doch ich habe Zweifel. Ich denke an die Männer und ein Schauder -noch kälter als der Wind- jagt mir den Rücken hinunter.
Ich habe gesehen, wozu sie im Stande sind, habe gesehen, wie sich nichts in ihren Gesichtern regte, als sie einfach das taten, was sie taten.
Immer wenn ich glaubte, das einigermaßen verarbeitet zu haben, wird alles in meinem Kopf wieder umhergewirbelt, und die schiere Panik ergreift mich.
Ich bin Page, und ich habe kein Leben mehr. Ich führte ein zufriedenes Leben, hatte tolle Freunde, eine liebevolle Familie, und ein wundervolles Zuhause.
Binnen weniger Sekunden wurde mir alles geraubt. Und nun hängt mein Schicksal am seidenen Faden, an dem ein Unbekannter zieht. Er hat mich aus all dem Chaos herausgezogen, und obwohl ich im Grunde nichts weiß, weiß ich nur, dass ich ihn vertrauen muss. Ich habe keine andere Wahl. Denn ich habe kein Leben mehr. Bin nicht mehr Teil dieser einst für mich realen, heilen Welt. Alles steht Kopf. Bin in einer anderen Welt gefangen.
Ich zucke zusammen, als etwas neben meinen Füßen landet. Ich kauere mich noch weiter in meiner Ecke unter dem winzigen Tisch zusammen, und hoffe inständig, dass ich jetzt nicht erwischt werde. Eine halbe Banane liegt auf dem steinernen Boden und glücklicherweise wird sie von einem Winterstiefel noch weiter unter dem Tisch gekehrt. Ich höre Stimmen, höre Bratgeräusche und rieche, neben den Glühweingeruch, süßlichen Backduft. Es raubt mir fast die Sinne, denn mein Magen knurrt höllisch. Ich schnappe mir das Stückchen Banane und stecke es mir hastig in den Mund. Ich vergesse zu kauen und schlinge sie hinunter, nur darauf bedacht, meinen Hunger zu stillen.
Ich kauere hier unten schon den halben Tag. Mein kleines Versteck ist perfekt, denn hier habe ich die Uhr im Blick, und die dreckige Plane über meinem Kopf schützt mich vor der Außenwelt.
Diese Stände wurden in Mitten des Platzes aufgebaut, der meterhoch im Zentrum liegt. Rechts von mir ist ein Maschendrahtzaun und ich drücke mich halb dagegen. Meine Mütze hängt mir tief ins Gesicht, und mein Schal verdeckt die untere Hälfte meines Kopfes, sodass mein helles Gesicht nicht weiter in dieser kleinen, dunklen Nische auffällt. Ich kann nach unten blicken und sehe all die Menschen, die von A nach B eilen, oder sich im Schlendergang eins der Köstlichkeiten der Stände schmecken lassen. Zu anderen Seite hin schützen mich massive, zum Glück leere, Holzfässer. Ich habe das vorhin geprüft. Nur nach vorne hin bin ich Schutzlos. Eine dicke Plane reicht bis kurz vor dem Boden hinunter, hinter ihr huschen einige Schuhpaare hin und her, deren Schatten ich nur wahrnehme.
Abermals blicke ich zur Uhr. Ich muss noch durchhalten, muss mich verstecken. Ich weiß nicht vor wem oder was. Ich weiß gar nichts.
Ich weiß nur, dass man mit mir das Selbe anstellen wird, wie mit meiner Familie, wenn ich mich nicht versteckt halte. Sie sind überall, hatte der Unbekannte gesagt. Uns fehlte die Zeit, meine tausend Fragen zu beantworten. Er nannte mir nur einen Treffpunkt, wo ich hinkommen soll, wo er mich abholt. Er hatte mir knapp erklärt, was er vorhat, damit ich mich erst einmal in Sicherheit bringen kann. Doch war ich zu sehr geschockt, als ich meine Familie in riesigen, dunklen Blutlachen liegen sah, als dass ich groß zuhört habe.
Mein Schicksal liegt in seinen Händen, und ich hoffe so sehr, dass es ihm gut geht, denjenigen, dessen Namen ich nicht mal kenne.
Ich sollte mich verstecken, untertauchen. Etwas, was ich nur aus Filmen kannte, was mir immer völlig umreal erschien. Und nun kauere ich, Page Suttman, hier und weiß nicht wie es weiter geht, und was noch kommen mag. Ich weiß nur, es gibt kein zurück. Weiß nur, dass meine Familie urplötzlich von Männern in schwarzen Anzügen getötet worden ist, und sie alles tun werden, um auch mich zu erwischen.
Das tiefe Geräusch der Uhr reißt mich aus meinen Gedanken. Sie schlägt 7 Mal und meine Zeit ist endlich gekommen. Mein Herz schlägt plötzlich so schnell und hart dass ich mich erst einmal kurz sammeln muss. Mein Ziel ist die öffentliche Telefonzelle auf der anderen Seite. Ich schaue noch mal nach unten, suche nach Männern in schwarzen Anzügen.
Als ich mich sicher glaube, schiebe ich die Fässer langsam eins nach dem anderen zur Seite. Ich darf keinen Ärger riskieren, darf nicht auf mich aufmerksam machen. Ich habe extra Zeit für diese Vorsicht eingeplant und ich habe mir meinen Weg sorgfältig zurecht gelegt, denn ich kenne diesen Platz in und auswendig
Als genug Platz ist, mich durch die Lücke zu zwängen, beschreite ich meinen Weg. Ich muss es schaffen, geht es mir durch den Kopf.
Vorbei an den Fässern, kommt ein weiteres Hinterniss. Mehrere Tannen stehen aneinandergereiht am Zaun. Ich schiebe mit einem Fuß vorsichtig den schweren Stein, der den dicken Stamm hält, nach vorne. Ich halte immer wieder kurz inne und beobachte aus dem Dunklen die anderen, dass ich ja keine Aufmerksamkeit auf mich ziehe. Mein Plan geht auf. Nach weiteren Tannen schlüpfe ich aus meinem Versteck und mische mich rasch unter die Menschenmenge, die mich nicht im geringsten wahrnehmen.
Mit klopfendem Herzen und einer scheiss Angst steuere ich zielstrebig die Telefonzelle an.

3. Oktober 2014

Andere Zeiten

Ich höre meinen Atem, spüre das Auf und Ab meiner Brust. Die Luft ist feucht und kühl und fühlt sich ungewohnt an.
Es ist so still, so unheimlich still auf den Straßen.
Ich laufe langsam, hetze nicht, denn ich habe Zeit. Ich konzentriere mich auf diese Stille, die mich jede Biegung und Kreuzung begleitet.
Ich frage mich nicht wo die Menschen hin sind, frage mich nicht, warum es so kühl ist.
Die verschleierte Sonne lässt fast die Farben der Blätter leuchten, als wollen sie sagen, dass alles gar nicht so schlimm ist. Dass meine beängstigenden Gedanken nicht echt seien.
Ich laufe immer noch weiter, schmecke die klamme Luft, die dichter zu werden scheint.
Es war mal Herbst, doch was jetzt ist, kann ich nicht sagen. Ist es nur eine außergewöhnliche Phase, es ist nicht der Anfang vm Ende.
Es fühlt sich komisch an, es erscheint mir nicht nur so.
Ich beruhige mich, und konzentriere mich auf meinen Weg. Ich habe keinen Weg, aber ich laufe, immer weiter, bis ich etwas gefunden habe, was mich innehalten lässt.
Ich grüble nicht darüber nach, ob ich etwas finden werde, ich setze automatisch einfach einen Fuß vor dem anderen.
Meine Ohren nehmen kaum etwas wahr, nur ab und zu raschelt es in den Herbstblättern. Vielleicht möchte ich aber auch nur, dass es raschelt, dass sich etwas bewegt, irgendetwas. Es ist so still, so unheimlich still. Es erschreckt mich, diese Erkenntnis, denn das fühlt sich nicht normal an.
Ich muss mich beruhigen, darf mich nicht hinein steigern, darf die Gedanken nicht ausspinnen, und meiner Fantasie nicht die Oberhand gewinnen lassen.
Ich gehe durch Straßen, überquere einsame Kreuzungen, passiere leere Häuserblocks und dunkle Geschäfte. Die Menschen sind woanders, sie dürfen woanders sein.
Ich bin hier, und ich laufe. Ich atme, atme kühle Luft, schmecke Trockenheit.
Ich werde nicht stehen bleiben, bis ich angekommen bin. Ich weiß nicht wo mein Ziel liegt, vielleicht da, wo die Sonne richtig scheint, wo die Farben der bunten Blätter intensiver sind, wo jemand anderes an mir vorbei geht.
Ich weiß nicht was los ist, aber etwas ist los. Sonst würde ich jetzt nicht laufen, laufen durch die Stille. Meine Brust würde sich nicht auf und absenken, mein Herz würde nicht alarmiert rasen.
Ich versuche ruhig zu bleiben. Alles ist in Ordnung, bald komme ich an.
Ich laufe einfach weiter, verdränge das einsame Gefühl, was die Oberhand übernehmen will.
Ich konzentriere mich auf das Rascheln der bunten Blätter, die fast leuchten. Ich gehe weiter, passiere große Straßen, enge Wege. Ich setze einen Fuß vor dem anderen.

2. September 2014

Allein

Ich laufe so schnell, wie es in diesen Schuhen nur geht. Meine Reisetasche, die ich über die linke Schulter hängen hab, knallt bei jedem Schritt gegen mein Bein. Ich ignoriere es und hetze weiter.
Innerlich motze ich vor mich hin, frag mich immer wieder, warum ich nicht mal 10 Minuten eher aufstehen kann, und warum ich immer zu Hause herum trödeln muss.
Meine Tasche hatte ich schon am Vorabend gepackt, nur einiges an Badzeug und mein Kuscheltier, eine dicke grüne Schildkröte, stopfte ich heute früh noch hinein.
Ich komme an der U-Bahnstation an und eile hinunter, dabei renne ich fast eine Frau um. Die Bahn steht schon da und in letzter Sekunde springe ich hinein. Mir ist derbe warm und ich reiße meine dünne Strickjacke von mir und bind mir die dünnen, braunen Haare am Hinterkopf zusammen.
Ich brauche dringend einen Kaffee.
Gute zehn Minuten später steige ich aus, mache einen kurzen Halt am Coffeeshop und laufe nun entspannter zum Treffpunkt.
Meine Klasse steht versammelt vor dem großen Reisebus, der Fahrer läd gerade das Gepäck an der Busseite ein. Ich nicke einige Schüler zu, gebe meine Reisetasche ab und laufe zu der kleinen Gruppe am Rande, um meine Freunde zu begrüßen.
Wir umarmen uns und grinsen uns an, schon lange haben wir uns auf diesen dreitägigen Ausflug an die polnische Ostsee gefreut. Alle quatschen durcheinander, sind euphorisch, albern herum. Selbst unser Klassenlehrer scheint bester Laune zu sein.
Ich mische mich einfach ins Gespräch ein, wobei mir die Müdigkeit noch im Nacken sitzt. Normalerweise bin ich kein Morgenmuffel, aber heute komme ich nur schwer in Gang.
Meine Eltern mussten beide zur Arbeit, sodass niemand mich fahren und noch verabschieden konnte. Ich bin es gewohnt und sehe es gelassen.
Es dauert nicht lange, da öffnen sich die Bustüren und unserer Klassenlehrer ruft laut, dass wir einsteigen sollen. Ich reihe mich in die Schlange vorne ein, lasse aus Höflichkeit einige Kameraden vor, wozu jetzt auch noch eilen. Ich suche mit den Augen die belegten Plätze nach meinen Leute ab, und stelle fest, das jeder schon einen Sitznachbarn hat. Ich bin davon ausgegangen, dass Jette und ich zusammen sitzen werden, aber neben ihr sitzt Danny und grinst sie an. Ich bin enttäuscht. Sogar so sehr, dass ich kurz irritiert einfach nur im Gang herumstehe. Hinter mir drängeln die anderen und ich nehme einfach auf der gegenüberliegenden Seite eine Reihe dahinter platz. Ich lass meinen Blick über die anderen schweifen, die vor mir sitzen. Alle unterhalten sich angeregt, lachen. Mich beachtet keiner. Ich sitze allein. Ich bin allein.
Die Erkenntnis kommt so schnell und intensiv, dass ich fast Panik kriege. Ich rücke weiter zum Fenstersitz und kauer mich in den Sitz hinein. Meine Herz pocht so schnell und ich ermahne mich zum Atmen. Ein und aus, ein und aus. Immer gleichmäßig. Ich spüre den Klos im Hals, der sich unweigerlich festgesetzt hat und atme ruhig weiter. Meine Augen fangen an zu brennen und ich schließe und presse sie fest zusammen. Heulen werde ich jetzt auf gar keinen Fall! Doch die Dunkelheit hinter meinen Lidern ist nicht besser. Meine Gedanken rasen, immer wieder zu diesen Augenblick zurück. Ich reiße sie wieder auf und schaue zu der Häuserreihe, vor der wir noch stehen. Alles in Ordnung, es ist okay, ermahne ich mich in Gedanken. Ich atme gleichmäßig weiter, und als der Bus losfuhr, werde ich ruhiger.
Ich erinnere mich an einen Traum den ich vor kurzem hatte. Ich ging zum Haus von Jette, da ich dort im Allgemeinen viel Zeit verbringe. Ich gehe einfach durch die Wohnungstür und finde alle an einem üppigen gedeckten Tisch vor. Sie, ihre Eltern, andere Freunde, sogar Verwandte. Alle reden, lächeln, haben Spaß. Keiner beachtet mich. Und in diesen Moment erkenne ich, dass ich nicht erwünscht bin. Dass ich in dieser Runde einfach herein geplatzt bin, ohne eingeladen worden zu sein. Ich bin nicht willkommen. Niemand ist auf meiner Anwesenheit angewiesen und kommt auch gut ohne mich aus.
Es ist genau das selbe Gefühl. Das Gefühl der Einsamkeit. In Wirklichkeit bin ich allein, habe niemanden. Keiner, der auf mich wartet, keiner, bei dem ich die Nummer 1 bin. Jeder hat wem anderes. Und jetzt hat Jette Danny.
Aus dem Augenwinkel beobachte ich ihre Hinterköpfe. Sie lachen, sie albern rum, keiner dreht sich zu mir herum. Ich bin allein.
Nachdem unser Lehrer die Anwesenheitsliste durchgegangen ist, weist uns der Busfahrer in die Sicherheitsvorkehrungen ein.
Meine Laune sinkt weiter, und ich fühle mich unendlich weit weg von den anderen. Ich fühle mich ausgelaugt, schutzlos und angegriffen. Denn niemand ist für mich da. Ich bin nur das fünfte Rad am Wagen. Plötzlich will ich nicht mehr mitfahren, frage mich wozu.
Ich sinke weiter in meinem Sitz hinein und schlinge die Arme um mich und starre aus dem Fenster. Der Bus rollt aus der Stadt und kurz darauf ziehen Felder, Bäume und dunkle Regenwolken an mir vorbei.
Mein Herz pocht immer noch spürbar in meiner Brust, und ich rede mir weiter ein, dass es okay ist. Ich bin es gewohnt allein zu sein. Meine Eltern sind nie da wenn ich von der Schule komme, ich habe keine Geschwister, Jette hat auch andere Freunde, und generell hat jeder jemand anderen, den er mir vorziehen würde. Es ist okay, ich kenne es nicht anders. Und doch tut es weh. Dieses Gefühl ist so unerträglich, doch darf ich mich es nicht hingeben. Nicht vor den anderen.
Drei Tage lang.

18. August 2014

Sternschnuppennacht

Ich höre meinen Handyweckton in weiter Ferne.
Ich kann noch nicht denken, weiß nicht warum es klingelt, ob ich arbeiten muss oder einen Termin habe. Schließlich gebe ich nach und schalte ihn aus. Die roten Ziffern des kleinen Bettradios zeigen mir 3:15 an.
3:15. Sofort schalte ich, weiß warum wieso weshalb.
Ich werfe die Decke zurück. Ich bin müde, möchte weiter schlafen, doch ganz automatisch, wie schon lange vorher abgemacht mit meinem Körper, steige ich aus dem Bett. Mein Blick fällt zuerst auf den hellen Schein, der durchs große Fenster scheint. Der Vollmond ist immer noch unheimlich hell. Als ich das Licht das erste Mal sah, als ich Nachts auf Toilette musste, hatte ich mich richtig erschrocken und dachte für drei Sekunden, dass jemand mit einer Taschenlampe auf mein Balkon wäre.
Meine nackten Füße tapsen übers kalte Linoleum und weiter über die eiskalten Fliesen im Bad.
Als ich zurück komme lausche ich. Es ist vollkommen ruhig, nur die typischen Nachtgeräusche sind durch der angeklappten Balkontür zu hören.
Ich ziehe mir wahllos einer der Kuscheldecken von der Couch und wickle mich ein. Da ich meine Hausschuhe nicht finden kann, schlüpfe ich in meine Sportschuhe für drinnen. Ohne Socken fühlt sich das komisch an.
Ich gehe auf den Balkon und starre zum leuchtenden Mond hinauf. Ich hatte einige Tage vorher gelesen, dass dieser Vollmond sehr intensiv und stark sein soll. Ich erinnere mich an einigen Fetzen eines Buches, welches ich mal las. Dort wurden die vier verschiedenen Mondphasen durchgenommen. Ich glaube mich zu erinnern, dass der Vollmond für die Festigung von Aufgaben und Vorhaben stehen. Sicher bin ich mir allerdings nicht.
Der Mond scheint so intensiv, dass ich richtig geblendet werde. Da wird das Sternschnuppengucken nicht einfach. Mir fällt auf, dass meine Sicht allgemein nicht die Beste ist. Die dunklen Baukronen schieben sich vor dem Himmel, ich meine, dass das letztes Jahr nicht so sehr der Fall war.
Angestrengt suche ich den Himmel ab. Die Nacht ist klar, kein einziges Wölkchen ist auszumachen. Meine Augen haben sich an die Dunkelheit gewöhnt und ich kann immer mehr Sternenpunkte erkennen.
Ungeduldig schaue ich von links nach rechts, und frage mich, was ich mir denn eigentlich wünschen soll, wenn plötzlich eine Schnuppe vorbei rauscht.
Da mich der Mond tatsächlich zu sehr blendet, gehe ich in die Küche und reiße dort das Fenster weit auf. Die Sicht ist besser, doch hier sind es die Laternen, die etwas blenden. Ich nehme einen der Zettel, die auf der Fensterbank liegen, und für Einkaufslisten gedacht sind, und schirme das Straßenlicht ab.
Nicht perfekt, aber besser.
Also, was ist mein Wunsch, geht es mir wieder durch den Kopf, währenddessen ich einen der Wagen im Himmel suche. Liebe, Job, Erfolg, Studium, Gesundheit, Ernährung, Hobby, Freundschaft und noch andere Begriffe gehen mir durch den Kopf.
Ich glaube mich entschieden zu haben, also formuliere ich meinen Wunsch, und es dauerte nicht lange, da sah ich sie, fast unscheinbar, die erste Sternschnuppe.
Ich lächle und hänge noch einige Sekunden meinen Wunsch nach. Danach lege ich mir einen weiteren gedanklich zurecht.
Ich bin etwas enttäuscht, dass die Sternschnuppen-Rushhour doch sehr mager ausfällt, die zweite ließ ganze zehn Minuten auf sich warten. Sie ist sehr lang und leuchtend hell, was mich nur noch breiter grinsen ließ. Und danach kam ewig nichts.
Ich beschloss, dass alle guten Dinge drei sind, und wartete weiter, schon leicht am frösteln, noch auf eine dritte Schnuppe. Wieder dauerte es lange. Im Hintergrund vernahm ich schnelle Autos, anscheinend geht hier nachts immer die Post ab, was illegale, kleine Autorennen angeht. davon habe ich schon öfter gehört.
Fast hätte ich sie nicht gesehen, nur sacht leuchtete der Schweif auf um gleich wieder zu verglühen.
Ich seufze und denke mir, dass doch drei Wünsche auch schon was sind, erst Recht, wenn sie in Erfüllung gehen würden. Eigentlich bin ich damit immer gut gefahren, genauso wie mein Jahreswechselwunsch. Also glaube ich fest daran, dass sie in Erfüllung gehen.
Ich schmeiße die Decke wieder zurück auf die Couch und steife die Schuhe ab. Sofort kuschle ich mich wieder ins Bett und lasse meine Wünsche Revue passieren. Mehr Sternschnuppen wären schöner gewesen, nicht wegen der Wünsche, sondern wegen des Anblicks.
Ehe ich aber noch weiter darüber grübeln kann, schlafe ich erneuert tief und fest ein.

23. Juli 2014

Nachtwärme

Alle Jahre wieder... denke ich, und ein zartes Lächeln taucht in meinem Gesicht auf.
Draußen ist es schon lange dunkel, und die Turmuhr in der Ferne schlägt gerade zur ersten Stunde des neuen Tages.
Es ist warm, so wunderschön warm, wie es jedes Jahr in der Hitzeperiode ist. Wenn selbst nach dem Duschen sich schon der nächste dünne Schweißfilm auf der Haut bildet, hat der Sommer seinen Höhepunkt erreicht. Es ist einfach zu warm, um schlafen zu können, und ich bin froh, dass ich nicht früh aus dem Bett muss.
Alle Jahre wieder...
Ich liege im Dunkeln auf mein zerwühltes Bett, die Decke weit entfernt. Mein Rücken drückt sich in die weiche Matratze und mein Po lehnt an der kühlen Wand. Meine Beine sind nach oben hin der Wand entlang ausgestreckt und meine Arme ausgebreitet. So liege ich einfach nur da, und genieße. Ich denke nicht an morgen, nicht an nächste Woche, und auch nicht was gestern war, sondern bin einfach nur hier. Wenn man es schafft, die vielen Gedanken mal zur Seite zu drängen, scheint einem die Zeit unendlich zu sein.
Alle Jahre wieder im Sommer, wenn das Zimmer aufgeheitzt ist, und an Schlaf nicht zu denken ist. Ich liebe es.
Meine Balkontür ist weit aufgerissen, die anderen Fenster angeklappt. Eine sanfte Brise weht durch meine Wohnung, sucht sich den Weg zwischen all den Gegenständen. Heute lausche ich nur die raschelnden Blätter, die von draußen entfernt zu mir dringen, mal kräftig, mal dezent. Das Gewitter ist nicht mehr weit. Ich höre auch ein paar wenige Grillen zirpen, als wäre ich irgendwo draußen im Grünen. Ab und zu ruft ein Eule, und manchmal höre ich Tiere, die ich nicht bestimmen kann.
Ich spüre allmählich, wie es in meinen Füßen anfängt zu kribbeln. Es wird nach und nach intensiver und klettert meinen Beinen hinunter. Ich halte durch, bis die Wärme einsetzte. Ich lasse meine Beine nach rechts aufs Bett plumpsen und rolle mich herum, suche nach einer anderen, angenehmen Position, und ignoriere die Hitze, die in mir aufkommt.
Es ist so warm, und der laue Luftzug ist nur bei Nacht eine angenehme Abwechslung. Am Tag heitzt sich die Stadt dermaßen auf, dass man zwischen den Straßen kaum zum atmen kommt. Viele Klimaanlagen sind schon längst hinüber, die stickige Luft hindert den meisten Menschen auf ihren Weg. Wir kämpfen uns durch 35 Grad, so wie wir es im Winter bei -20 tun.
So ist es nun mal.
Und haben wir den Tag geschafft, nutzen wir die Nachtstunden, um unseren Körper aufzutanken.
Es ist immer das, was man selbst draus macht. Man kann stöhnend vor dem Fernsehr sitzen, oder wie ich, lächeln, die Arme ausstrecken, und einfach nur im Hier und Jetzt sein.

10. Juli 2014

Die Schwere in mir

Ich wache auf und etwas Schweres hängt über mir. Ich werfe die Decke zurück und will mich aufstützen, und augenblicklich merke ich, das mir die Rückenpartie schmerzt. Ich sinke wieder zurück, gehe es langsam an, versuche mich an gestern zu erinnern.
Doch meine Gedanken sind betrübt. Ein Schleier hat sich in meinem Kopf ausgebreitet, und lässt kaum etwas durchkommen. Ich verschmeiße die Gedanken an gestern und bin einfach nur hier. Hier in der Gegenwart. Versuche nicht zu denken, nichts zu fühlen. Das Schwere lässt es nicht zu.
Ich fühle mich erschöpft, müde. Ich schaue auf die winzige Ziffernanzeige neben meinem Bett und die roten Zahlen sagen mir, dass ich ausreichend geschlafen hatte.
Und doch zerrt da was an mir, was mich zurückholen möchte.
Ich habe noch einige Stunden Zeit bis zur Arbeit, überlege, was ich machen wollte. Hatte ich Pläne für den Vormittag?
Ich weiß es nicht.
Ich schaffe es, mich aus dem Bett zu schälen. Ich seufze schwer und gehe auf die Toilette. Anschließend mache ich mir einen Kräutertee, in der Hoffnung er würde mich etwas beflügeln.
Mein Bett ist wie ein Magnet, und so mache ich es mir wieder gemütlich, ziehe die Decke über mir und sitze da, während ich warte, dass mein Tee abkühlt.
Erinnerungsfetzen meines Traumes kehren langsam zurück. Gute sowie schlechte. Emotionen steigen in mir hoch.
Ich seufze wieder.
Ich brauche Luft, also stehe ich widerwillig auf um die Balkontür aufzureißen. Ich kehre zurück, lasse mich ins Bett plumpsen und schließe die Augen.
Ich gebe nach und rede mir ein, dass wenn mein Körper Ruhe braucht, soll er die bekommen.
Es dauert auch nicht lange da nicke ich, unter den Geräuschen von draußen, ein.
Wieder taumele ich durch Träume. Orte und Personen verschwimmen und ändern sich. Leuchtende Farben tauchen wagen umher.
Eine halbe Stunde später wache ich auf.
Ich sehe nur wenig, meine Gliedmaßen sind eingeschlafen und prickeln. Ich taumle schweren Ganges ins Bad, will in den Spiegel sehen und erschrecke, als mein gespiegelter Oberkörper mir knallrot gegenüber steht.
Und dann sehe ich mich selbst, wie ich vor dem Spiegel stehe. Ich sehe mich selbst, meine Haut ist normal. Doch mein Spiegelbild zeigt etwas anderes. Überall rote Flecken, rote Pickel, und diese Steifheit, dieses kribbeln in meine Gliedmaßen. Mein Blick ähnelt einen Tunnelblick, die Schwere auf mir lastet gewaltig.
Und ehe ich mich fragen kann, was hier los ist, wache ich auf.
Ich wache erneuert auf, diesmal richtig. Der Traum hat mich erstreckt. Ich weiß nicht wie lange es her ist, dass ich dieses Ereignis hatte. Überzeugt zu sein, dass man aufwacht, aber nicht im Hier und Jetzt. Das Bad in meinem Traum stammt aus meiner ersten Wohnung, was mir als erstes in den Sinn kommt.
Ich spüre immer noch diese Last auf und in mir, mein Gesicht fühlt sich zerknautscht an und die Muskeln im Rücken schmerzen weiter. Ich stehe auf, reiße mich los und betrachte mich im Spiegel.
Alles in Ordnung. Die Haut um meine weißen Hemdträger herum ist normal, meine Haare türmen wirr auf meinem Kopf.
Ich gehe in die Küche und trinke ein Schluck Wasser. Mir fällt mein Tee wieder ein, also kehre ich zurück, zurück zu meinen Magneten.
Ich sitze im Bett, ignoriere die Wärme, die langsam von draußen durch die offene Balkontür schleicht.
Ich will nicht noch einmal einschlafen.
Meine Hände krallen sich an meine Teetasse. Ich blicke umher, suche Ablenkung. Fernsehen möchte ich nicht schauen, also schnappe ich mir ein Buch, tauche woanders hin ab. Und so verharre ich, bis es Zeit wird, sich für die Arbeit fertig zu machen, die Last auf mich begleitend.

17. Juni 2014

Drahteselrunden

Ich packe meinen Rucksack, und gehe im Geiste durch, ob ich auch nichts vergessen habe. So schwer wie die Wasserflaschen in den Rucksack, so schwer liegt mir noch das Mittagessen im Magen. Immer wieder werfe ich einen Blick nach draußen, schaue ob sich das Wetter hält. Weiße, flauschige Wolken zeigen sich am Himmelsrand, die Sonne zeigt sich seltener als Vormittags. Regen wurde angekündigt, schauerhaft und eher kurz.
Meine Mutter wirbelt ebenso in der Wohnung herum. Es kommt nicht oft vor, dass ihre beiden Töchter zusammen daheim sind, daher werden Ausflüge immer spontan unternommen.
Ich merke, dass sie noch aufgeregter ist als ich, dabei gibt es überhaupt keinen Grund, aufgeregt zu sein. Lediglich eine Fahrradtour über die Dörfer, vorbei an blühende Felder und grüne Bäume, deren Obst noch nicht reif ist. So wie damals vor 10, 20 Jahre.
Meine Schwester quengelt herum und läuft jeden in die Beine, der ihr in dem Weg kommt. Nur mein Vater sitzt seelenruhig in seinen alten Sessel und schaut sich eine Tierdoku an. Wie immer hält er sich aus den Aktivitäten heraus, und hütet anstelle der sportlichen Bewegung das Haus.
Ich bin fertig und suche noch einmal die Toilette auf. Skeptisch schaue ich hinaus und suche die dunkleren Wolken am Horizont. Vor der Tür höre ich es summen, was nur meine Schwester sein kann. Schon seit Tagen summt sie herum, und immer nur diese eine Melodie aus Verwünscht.
Meine Mutter schreit, dass sie draußen auf uns wartet und unsere Drahtesel bereit stellt. Ich beeile mich und löchere meine kleine Schwester mit Fragen, bevor später wieder Unstimmigkeiten herrschen. Hat sie ihr Kuscheltier dabei, welches sie stets mit sich herum schleppt? Muss sie noch mal aufs Klo? Hat sie einen Haargummi dabei, falls ihr die Haare stören? Hat sie ihre Trinkflasche eingepackt, welche ihr Lieblingsgetränk, Apfelsaft, enthält?
Nachdem alle Fragen geklärt sind, machen wir uns auf nach draußen. Sie rennt vor und durch den hiesigen Garten. Gerade rechtzeitig schiebt sich die Sonne hervor und lässt den Garten strahlen. Die bunten Blumen leuchten, die Blätter funkeln, selbst das Gras ist so erhellt, dass man am liebsten mit der Hand hindurch fassen möchte.
Mein Drahtesel lehnt an der Wand des Schuppens und meine Mutter wischt die letzten Spinnweben ab. Meine Schwester tänzelt herum und will mich mitreißen. Ich stimme in ihr Lächeln ein und jage ihr hinterher. Sie kichert und ruft ständig: "Du kriegst mich nicht. Du kriegst mich nicht."
"Los jetzt!", ruft meine Mutter und wir gehorchen. Jeder schnappte sch sein Rad und drehte noch schnell eine kleine Runde auf dem gepflasterten Vorplatz der Garage, währenddessen unsere Mutter das Tor aufsperrte, um uns durch den Hinterhofeingang zu lassen.
In mir stieg eine Vorfreude auf, die ich schon lange nicht mehr verspürte. Ich lächelte der Sonne entgegen und hoffte, dass sie uns weiterhin hold sein wird.
Wir fahren durch unser Dorf und ich schaute neugierig die Grundstücke und Häuser an, immer auf der Suche nach Veränderungen. Früher ist mir gar nicht aufgefallen, wie schön es hier ist. Zum Ende hin kommt ein kleiner Teich. Dicke grüne Büsche wachsen an ihm und eine bunt bemalte Bank lud zum sitzen ein. Generell sind überall grüne Flächen zu sehen. Die Gärten sind gepflegt und selbst die Straße wies keine Schlaglöcher oder Unebenheiten auf.
Wir radeln die Feldern entlang. Der Wind säuselte in meinen Ohren und blies mir sanft die Haare aus dem Gesicht. Noch immer schien die Sonne und ich musste meine dünne Sweatshirtjacke ausziehen. Meine Schwester kommentierte, was sie gerade sah. Da waren Vögel, Hasen, Füchse, Schnecken und Flugzeuge. Bei einigen Sachen war ich mir sicher, dass sie diese nur erfand.
Das Weizenfeld rechts neben uns leuchtet golden, wie herrlich es aussah. Am Straßenrand stehen vereinzelte Mohnblümchen, die in ihrem knalligen Rot strahlten. Auf der linken Seite stand der Raps in voller, gelber Blüte. Farben, wie sie nur in der Natur vorkamen.
Allmählich rücken die dunklen Wolken näher, auf die ich schon die ganze Zeit gewartet habe. Sie sehen wirklich so aus, als würden sie uns mit voller Kraft durchnässen wollen. Ich schrie zu meiner Mutter nach vorne, dass wir uns beeilen müssen.
Unser erster Stop war die neue Eisdiele im Nachbardorf. Es dauerte auch gar nicht lang, da waren wir schon dort. Pünktlich auf der Sekunde, und damit übertreibe ich wirklich nicht, konnten wir uns mit jeweils eine Kugel Eis unters Pavillion retten, das uns Schutz vor den mächtigen Schauer gab. Knapp eine halbe Stunde schüttete es von oben, als wäre es mal wieder bitter nötig gewesen. Ich hatte meine Kugel wie immer als erster aufgegessen, und versuchte scherzhaft von dem Eis meiner Schwester abzubeißen, woraufhin sie es immer wegzog und kicherte.
Ich beobachte, wie die Regentropfen auf den anderen Tischen, die nicht überdacht waren, kleine Blasen schlugen und seitlich ein kleiner, feiner Wasserfall hinunter plätscherte.
Nach kurzer Minute, die jeder für sich genoss, zog ich meine Kamera aus meinen Rucksack und drückte mich an meiner Schwester. Als sie sah was ich vorhatte, ein Selbstportrait von uns beiden, steckte sie mir die Zunge heraus. Ich wusste, dass sie das tun würde, und tat es ihr gleich. Wir lachten über das Bild und nahmen aufs nächste unsere Mutter mit drauf. Nach dem dritten Bild ermahnte sie uns, dass wir keine Fratzen machen sollten und mal vernünftig lächeln sollten, was wir dann auch taten.
Als es abrupt aufhörte und wenige Minuten später uns die warmen Sonnenstrahlen wieder entgegen kamen, machten wir uns wieder auf. Wir wischten unsere Sattel mit Taschentücher ab und ich hoffte, dass ich nicht trotzdem einen feuchten Po kriegen würde.
Wir fahren weiter an ebenso schöne Felder, wie vorher. Kurzzeitig fuhren wir durch eine Allee, deren Bäume und Büsche uns halb im Weg hingen. Ich erinnere mich noch daran, wie wir früher oft hier her gekommen sind, um uns die Bäuche mit Marillen, Äpfel und Birnen vollzuschlagen. Meine Mutter nahm immer etwas mit und backte später leckeren Kuchen. Ich kann den betörenden Backduft förmlich riechen, und wie gerne hätte ich jetzt ein selbst gebackenes Stück Kuchen.
Wieder zogen graue Wolken auf und ich befürchtete, dass wir diesmal nicht verschont bleiben würden. Meine Mutter sagte nur, dass wir doch nicht aus Zucker seien, und dass wir dann vielleicht noch etwas wachsen würden. Meine Schwester lachte und entgegnete, dass sie schon groß genug sei.
Als wir nach 45 Minuten allmählich genug Natur geatmet hatten, ein weiteres Dorf hinter uns ließen und zwischendurch einige Schlucken Wasser und Saft zu uns nahmen, machten wir uns auf den Rückweg. Wir sangen Lieder aus Kindheitstagen, klingelten mit unserer Fahrradklingel wild durcheinander und grinsten, erst recht als unsere Mutter über das nervige Geklingel schimpfte. Trotz der dunklen Wolken bekamen wir nur wenige Tropfen ab. Meine Mutter säuselte immer wieder: "Wenn Engel reisen..."
Wieder in unserem Dorf angekommen, planten wir den restlichen Abend. Meine Schwester fuhr neben mir und schrie, dass sie die Couch für sich alleine reservierte. Auf die Frage meiner Mutter, wo die anderen sitzen sollen, zuckte sie mit den Schultern. "Draußen bei den Blumen", antwortete sie und wäre beinahe mit ihrem Rad gestürzt, als sie sich nach hinten umdrehte und eine dicke Wurzel vor ihr übersah.
Wir rollten auf unseren Hof ein und stellten die Räder unters Carport. Mich zog der Kirschbaum an und ich mopste mir einige rote Früchte von ihm. Meine Schwester rannte gleich ins Hausinnere, um die Couch für sich einzunehmen.
Ich blieb noch ein paar Minuten draußen und genoss die letzten Sonnenstrahlen, die vor den Wolken hin und wieder hervor kamen.

11. Juni 2014

Hitzewelt

Erst war nichts zu hören.
Die wenigen Dorfbewohner verkrochen sich, suchten Schutz in ihre alten Bauten, an denen schon die uralten Steine zerbröselten. Die undichten Fenster waren alle samt mit Stoff behangen, um auch den kleinsten Schein auszusperren. Und obwohl die Bauten alles andere als gut verputz und hördicht waren, drang nichts nach draußen, weil die Leute sich nicht mal mehr trauten, sich zu bewegen. Nicht mehr als nötig, lediglich nur, um zum Kühlschrank zu schleichen, um sich halbkaltes Wasser hinterzukippen, damit ihr Körper nicht gänzlich ausdörrte.
Aber heute nichts. Man könnte meinen, die Hütten verbergen Leichen.
Das Thermometer kletterte weiter gen 40, obwohl die Mittagssonne nicht einmal ganz oben stand. Der blasse Himmel war unendlich, die Wolken schienen verdampft.
Ich fleetzte draußen auf dem Boden der höltzernen Terasse im Schatten und ignorierte meinen Schweiß, der mir im Nacken hinunter rann. Mein kurzes Haar klebte mir an Stirn und Kopf, und hin und wieder juckte mein Dreitagebart, über dem ich dann fahren musste.
Mein helles Hemd war fleckig und feucht, so wie meine Hose.
Auch ich war unfähig mich zu bewegen. Hier gab es auch keinen Grund, sich zu bewegen. Dei Felder waren schon lange ausgetrocknet und halb verbrannt, die Ernte dahin.
Man versprach uns Versorgung, schon seit Tagen, doch ich höre nichts. Sehen kann ich auch nichts in der Ferne, denn die Sonne blendete so sehr und schmerzt in den Augen.
Immer wieder versuche ich ein Geräusch auszumachen, doch nicht einmal ein Vogel fliegt vorbei, oder eine Ratte lässt es unter der Terasse rascheln. Nicht mal eine fette Fliege summt nervig um meinen Körper herum. Kein Windhauch, der heiß umher säuselt.
Ich höre einfach nichts.
Und bevor ich mich der Hitze berauschen konnte, mich flachatmig der Ohnmacht hingeben konnte, hörte ich etwas. Immer noch unfähig den Kopf zu erheben, Ausschau zu halten, meine Neugierde nachzugehen, konzentrierte ich mich, oder versuchte es zumindest.
Meine Kehle fühlte sich schmerzhaft rau an, mein Magen war flau und knurrte, meine Hände trocken und rissig wie das Holz, auf denen sie lagen.
Alles setzte ich auf ein Geräusch. Und ich hoffte, ja betete zu Gott, dass es das richtige Geräusch ist, was sich in meine Ohren schob.
Nur ganz sanft, ein monotones Geräusch, ein Brummen, kaum wahrnehmnbar. Vielleicht täuschte mich auch nur mein Gehirn, vielleicht wünschte ich es mir so sehr, der Hitze zu entkommen, dass ich es mir nur einbildete. Und doch, es war immer noch da. Ich konnte nicht ausmachen, ob es lauter wurde, ich konnte nur abwarten. Weiter abwarten, wie die letzten ewigen Stunden an diesem Gott verlassenen Ort.
Ich wollte mich fragen, ob es noch jemand anderen gab, der wie ich es hörte, doch ich fühlte mich zu schwach und hitzig, um noch klare Gedanken zu formen.
Mein ganzes Gehirn schien nur eins wahrzunehemen, und das war diese stickige Hölle, die uns seit etlichen Wochen heimsuchte.
Schwach betete ich im Inneren weiter, wann immer ich Gelegenheit dazu bekam. Ich spürte, wie mich die Enge der glühenden Luft langsam überkam. Ich wusste, bald würde es vorbei sei. Bald hat mich die Hölle gefressen, so wie die stinkenden Leichen in den alten, herunter gekommenen  Bauten.

17. Mai 2014

Baratmosphäre

Die schweren, grauen Vorhänge sind zugezogen, und verdecken die Nacht, die durch die vielen großen Fenster hineindringen wollte. Das Licht wurde gedämmt und glimmt aus unzähligen Lampen, die von der Decke hingen. In den Ecken hingen vereinzelte kleine Lämpchen, die verschiedene, gelbliche Farbkreise auf  Teilen der gemütlichen Sitzecken und Wänden malten, und zur angenehmen Atmosphäre beitrugen. Im Hintergund spielte angenehme Musik mir unbekannter Bands.
Viele Tische waren besetzt. Menschen unterhielten sich, lachten oder gestikulierten. Jeder wirkte ausgeglichen.
Im vorderen, seitlichen Teil befand sich der kleine Tresen. Viele Spirituosen standen in Reihe und Glied und funkelten im schwachen Licht in den unterschiedlichsten Farben. Am Tresen befästigte Schilder warben für Bier und andere Mixgetränke. In feiner, leserliche Handschrift wurde die Preisliste an einer Tafel über die Bar geschrieben. Ein Baarkeeper hantierte mit einem Shaker herum, ein andere nahm gerade eine Bestellung auf, von einem Mann, der sich auf einem der dunklen Holzbarhocker niederließ.
Es duftete herrlich nach gegrillten Fleisch, und ein gut aussehender Kellner führte die dampfende Köstlichkeit direkt an meiner Naser vorbei zu einem der Tische. das Mobilar war dunkel gehalten, die Sitzbänke mit
roten Stoff überzogen.
Ich schlenderte zum Tresen hinüber und wich mir entgegen kommende Leute aus. Ich bestellte mir ein Mixbier, huschte dann mit den Augen über die Gastfläche und ließ das Getummel auf mich wirken. Mit dem Rücken lehnte ich mich an dem Tresen an und wippte mit dem Kopf leicht zum Rythmus der Musik.
Ich beobachtete das Geschehen und entspannte mich. Die Menschen waren ausgeglichen und unterhielten sich angeregt mit Bekannten und Freunden. Keiner dachte an Morgen; heute Abend schienen alle Sorgen vergessen zu sein.
Ich ließ mich von der Sorglosigkeit treiben, hing Gedanken nach und nippte an meinem Mixbier. Der kühle, fruchtig-herbe Geschmack fühlte sich erfrischend in meinem Hals an.
Kurze Zeit später kam meine Freundin hereingestürmt. Sie wusste, dass sie zu spät war, und umarmte mich entschuldigend. Sie wandte sich dem Barkeeper zu, der den neuen Gast aufmerksam wahrnahm, und bestellte für mich mit. Ich lächelte nur und meinte, dass sie sich entspannen solle, und dass die Verspätung nur halb so wild sei. Sie lächelte schuldbewusst und nahm die Getränke entgegen. Gemeinsam steuerten wir einen der freien Stehtische an und ließen uns im schwachen Barlicht nieder. Wir tauschten Neuigkeiten aus, diskutierten und philosophierten über Situationen aus unserem Leben und rätselten, was wohl die Zukunft parat hielt. Nach dem vierten Mixbier machte sich der Alkohol in mir bemerkbar und ließ mich sanftmütig werden. Die Gefühle rauschten in mir und vermischten sich mit der Atmosphäre der Bar. Manchmal saßen wir nur kurz schweigend da und hingen unsere gesagten Worte nach. Dann wieder regte uns ein neues Thema an, über welches wir ausführlich redeten. Wir lachten und unsere Augen glänzten im schwachen Beleuchtung. Und noch ehe ich weiter darüber nachdenken konnte, waren wir schon längst Teil der Umgebung, Teil der Atmosphäre, Teil des lebendigen Lebens.

2. Mai 2014

Nachmittagssymphonie

Dunkle Wolken bedrohen die Stadt, jeder wartet nur auf den Regen.
Ich überlege jetzt schon, ob ich den kleinen Umweg nehme, um näher mit der Bahn an meiner Haustür zu sein. Rechne aus, wie nass ich in einem fünf minütigen Sprint werden würde. Schließlich lasse ich es drauf ankommen, denn drei Minuten kürzer im Regen, werden mich nicht trockener machen.
Ich steige in die überfüllte U-Bahn ein und ergattere den vorletzten freien Platz. Mein Sitznachbar sieht nicht ein, auf seine Seite zu bleiben, und still erdulde ich die elf minütige, enge Fahrt.
Ich freue mich auf mein Zuhause, einen ganzen Nachmittag und Abend frei zu haben, Zeit, die ich nur für mich nutzen kann. Ich habe mir schon alles in Gedanken zurecht gelegt. Erst die Wohnung aufräumen und säubern, mir was leckeres kochen, das Bett neu beziehen, eine heiße Dusche, ausgiebige Pflege meiner Haut, die ich sonst immer nur vernachlässige. Ich leg mir mir Lieblingsmusik ein und lasse sie im Hintergrund dudeln, während von draußen der frülinghafte Duft durch die Fenster weht und der Regen für wohligen Flair sorgt.
Sonne muss heute gar nicht sein, denke ich, und verließ die Bahn. Kaum dass ich meine Füße ins Freie setze, sehe ich den hellen Schein auf meine Beine. Von den grauen Wolken keine Spur, und ich farge mich, wann ich ins Paradies abgebogen bin.
Intuitiv laufe ich eine andere Straße, von der ich weiß, dass dort Blumenduft in der Luft hängt und man viel Sonne abbekommt. Na gut, dann eben Sonne. Passend zum Feierabend auch etwas tolles.
Es ist Sonntag, und kaum ein Mensch ist auf den Weg nach Hause zu sehen. Ich gehe absichtlich langsamer und schaue mir die hiesigen, breiten Fliederbüsche an, die in voller Blüte stehen. Fliederduft ist so betörend, und ich lasse mich vollends einnebeln. Aus igendeinem Garten vor mir höre ich eine Gitarre klingen, wenige Schritte später sehe ich das kleine Hoffest. Lachende Kinder, entspannte Eltern, leckeres Essen, welches auf dem Grill brutzelt. Die Atmosphäre berauscht mich und lässt mich lächeln, stimmt mich ebenfalls friedlich. Ich lasse mich von dem langsamen Gitarrenstück einlullen und schlendere weiter.
An manchen Tagen erscheint der Frühling so vollkommen, so friedlich, so schwerelos, wie im Paradies. Ich spüre, wie der Stress der letzten zwei Wochen von mir weicht und mich durchatmen lässt. Lasse zu, dass sich Wohlgefühl und Harmonie in mir ausbreitet. Fange wieder an meine Träume ins Bewusstsein zu rufen.
Irgendwann später, ist das meine Leben. Ein Leben überwiegend mit Ruhe, Harmonie, Freude, Gelassenheit und Glück. Jeden Tag möchte ich genießen können, nicht immer nur dem hinterher grollen, was einem am leben hindert, und doch stetig präsent ist.
Ein Leben in dieser Nachmittagssymphonie...

13. April 2014

[un]reality

Verträumt schaue ich aus dem Fenster. Versuche einen Gedanken zu fassen, doch nur unendlich weite Leere rauscht durch meinem Kopf.
Ich stehe auf und gehe in die Küche. Was ich dort will, weiß ich nicht.
Ich betrachte meine kleine Küchenzeile, schaue von den schmalen Strauß frischer Petersilie zu dem kleinen Körbchen voll mit roten Tomaten und Paprikaschoten. Betrachte die Außenwand meines Kühlschrankes, lese mir, wie schon hundert Male zuvor, die Kärtchen mit Sprüchen durch, sehe meine Magneten darüber haften, sehe das gleiche Bild wie immer.
Ich gehe zurück in mein Wohnzimmer und bleibe mitten im Raum stehen. Schaue mich um, und weiß nicht was ich suche. Ich spüre sie, die Unruhe in mir, doch kann ich sie nicht greifen, keinen Namen geben.
Ich habe durst und gehe wieder in die Küche. Mein Blick streift nur beiläufig das Zeug, was unter dem Stuhl liegt, der vor dem kleinen Tisch in der Ecke steht. Ich fülle mir ein Glas mit Wasser und nippe daran, und schaue desinteressiert zurück zu meinem Stuhl. Meine Tasche, wie sie jeden Tag dort drauf liegt, ist geöffnet. Mein Schlüsselbund hängt schlapp heraus, fast bis zum Boden hinunter. Ich folge das Band, und bleibe wieder an dem Zeug unter'm Stuhl hängen. Ich sehe etwas vorblitzen, gehe hin und schaue nach. Ich nehme einen Pullover von mir hoch, der irgendwann von der Lehne heruntergefallen sein muss, und finde meine neuen Sportschuhe. Ständig lagere ich meine Klamotten in der Küche, und vergrabe oft andere Dinge.
Ich stelle das Glas ab und nehme die Schuhe in den Händen und begutachte sie. Automatisch schaue ich aus dem Küchenfenster nach draußen, sehe mir den Himmel an. Als würden sie mich leiten, ohne dass ich den Gedanken richtig fassen kann.
Und dann kam der Drang, hinaus und einfach loszulaufen, unausweichlich. Ich stellte mir vor wie ich durch's Grün laufe, wie ich alles hinter mir lasse, wie mein Kopf leichter wird und der Körper schwerer. Ich spüre die Energie, und während ich noch träume, suche ich wie von anderes besessen meine Sportsachen zusammen. Schlüpfe in der Dreiviertelhose, ziehe mir mein Sportshirt über. Schlüssel, Handy und ein Taschentuch stopfe ich in den Taschen der Joggingjacke, die mit Reißverschlüssen an den Taschen der Seiten versehen ist, und werfe sie mir über.
Und dann laufe ich einfach los, völlig vorfreudig.

Ich laufe den Weg, der am Friedhof vorbei führt, den ich immer nehme. Betrachte die wunderschönen, blühenden Bäume und atme deren süßlichen Duft ein.
Die Sonne ist fern, und der Nachmittag sieht aus, als würde er schon Abend sein wollen.
Mein Weg, nur geradeaus.
Ich schaue immer wieder in den Himmel hoch; die Atmosphäre ist sonderbar, so unwirklich, und wieder wird es in meinem Kopf ganz still. Das Vogelgezwitscher, der Lärm von einigen Autos, das fliegende Flugzeug im Hintergrund.
Alles entfernt sich.....und dann ist da dieser Schatten, der mich mit sich reißt.
Plötzlicht ist es Nacht, und wo eben noch grüne Blätter und strahlende Blüten an Bäumen und Stäucher hingen, ragen nur noch verdörrte und knochige Äste empor.
Ein unheimlicher Wind säuselt an mir vorbei, und ich spüre, das irgendetwas nicht stimmt.
Ich laufe immer noch die selbe Strecke, nur scheint diese ewig lang zu sein. Die Straße rechts von mir ist verlassen, nur einige Verpackungsreste werden vom Wind an mir vorbei getragen.
Ich laufe einfach weiter. Den Weg will ich nicht wechseln, denn ich weiß, dass dann etwas schreckliches passieren wird. Ich kann auch nicht stehen bleiben.
Ich wage einen kurzen Blick nach hinten, und ehe ich mich versehe, stolpere ich und falle nach vorn. Ich falle immer weiter, stürze tief in ein dunkles Loch hinein. Alles um mich herum dreht sich und verschwimmt, es verschwindet.
Und so wie alles um mich herum verschwindet, so löse auch ich mich auf...in einem Nebel, so unscheinbar.

3. April 2014

Würdigung der Stille

Lange ist es her, als ich durch die einsamen Wege von Friedhofsanlagen schlenderte. Fasziniert von den geschmückten Gräbern, überwältigt von der ruhigen und traurigen Stimmung. Nur wenige Menschen waren immer zu sehen gewesen, die zielstrebig und in vollkommener Abwesenheit das Grab eines verstorbenen, vermissten Menschen pflegten. Nie wurde der Mund benutzt, um Gedanken auszusprechen, nie brauchte man sich erklären. Es war in Ordnung, andere nicht wahrzunehmen.
Lange ist es her, als ich die stille Luft einatmete, und die Schwere in mir hinaus blies, täglich meine Runden um die Kirche lief, und die Last auf meinen Schultern immer größer wurde.
Friedhöfe strahlen eine lebendige Ruhe aus, wie sie nur selten auf der Welt zu finden ist. Dort ist Schweigen willkommen, dort braucht man nicht die Maske des Lächelns aufsetzen, keine Glückseligkeit spielen.
Heute treibe ich mich gerne in Bibliotheken herum. Auch dort ist die Stille etwas ganz besonderes, der Sinn gegensätzlich.
Die vielen kurzen Gänge zwischen den vollgestopften Regalen laden zum stummen schlendern ein. Ein Ort, an dem man alles andere für Minuten und gar Stunden vergessen kann. Ein Ort, wo so viel Wissen flüstert, welches weitergegeben werden möchte. Ein Ort voller fremder Welten und einzigartigen Geschichten, ähnlich wie auf dem Friedhof, nur lebendiger.
Heute laufe ich dort Runden, mein Lächeln formen meine Lippen ganz automatisch, und doch werde ich stark an früher erinnert. Mit ganzer Würdigung schreite ich an Bücherrücken vorbei, suche nach Wissen, ignoriere die anderen. Atme immer noch stille Luft ein, doch hauche ich nun Geduld hinaus. Erkenntnis früheren Wissens, wie es mit den Jahren gekommen ist. Die Last habe ich von mir genommen, und bin nun neugierig auf das was vor mir liegt.
Und ich weiß schon jetzt, bald werde ich weiter ziehen, und einen neuen, interessanten Ort kennen lernen, dessen Stille zu würdigen sich lohnt, wo mein Lächeln weiterleben wird...

6. März 2014

Morgenruhe

Es ist wieder soweit. Der Frühling streckt seine Fühler aus und will mich greifen, fest in seinen Armen schlingen, mich liebkosen und mir ein Stückchen Glück schenken...

7:42Uhr, irgendwo Randberlin.
Der Entschluss zu laufen ist gar nicht so leicht, als wie man zu glauben meint. Doch hat man ihn erstmal bezwungen, funktioniert alles von ganz alleine.
Der Weg ist mir nicht mehr gut im Gedächnis; ich gehe einfach drauf los. Wenn ich mal nicht weiter weiß, brauche ich nur die Spitze des hohen Turms am Himmel zu suchen, und ich weiß, welche Wege meine Füße einschlagen müssen.
Es ist so früh. Trotz der angekündigten Frühlingsgrade klaubt sich hauchdünn der Reif an die Welt fest. Auf Autos, auf Knospen, an Häusermauern und Straßenschlidern. Das verlassene Betriebsgelände neben mir wirkt noch verlassener, und im Hintergrund glaube ich kleine, fast durchsichtige Staubbüschel an den Hallenaußenwänden vorbeifegen zu sehen, die vom frischen Morgenwind geschubst werden.
Ich spüre die Kälte unter meinen dünnen Mantel krauchen, und anfangs frage ich mich selbst, ob ich nicht lieber umkehren soll, zurück ins warme Heim, wo ich mir einen heißen Kräutertee machen und mich tief unter Decken graben könnte.
Die Sonne ist hinter dünnen, einheitlichen Wolken verdeckt und ich bezweifle, dass sie es in den nächsten drei Stunden schaffen wird, sich einen Weg durch sie zu bahnen.
Doch ich gebe nicht auf und gehe einfach weiter, lasse knochige Bäume und kaputten Pflasterstein hinter mir. Ich lasse nicht zu dass sich meine Muskeln verkrampfen, und laufe einfach weiter, denn mit jedem Schritt ist das Ziel näher.
Die Straßen sind verlassen, richtig unheimlich, denke ich.
Sonntags sind die Straßen oft am Tagensanfang und Tagesende leer, und mit viel Fantasie kann man sich einreden, als suche die Pest die Großstadt heim.
Manchmal frage ich mich, wie es wäre, wenn die Welt vor der Ausrottung stehen würde, so wie es in unzähligen Katastrophenfilmen dargelegt wird. Wenn plötzlich die Bedrohung, in welcher Form auch immer, näher rückt und man nicht weiß, ob es gut oder schlecht ist, weiterleben zu müssen.
Ich verdränge die Bilder aus meinen Kopf und gehe zügiger, damit mir wärmer wird. 
Ich habe nun schon ein gutes Stück zurückgelassen. Und nun sehe ich auch vereinzelte Menschen, überwiegend ältere, über die Straße huschen. Die Brötchentüte fest am Leib gedrückt, als könnte man sich an ihnen wärmen. Die Mäntel werden straffer zugezogen, anscheinend hat niemand mit diesem kalten Morgen gerechnet. Selbst nur der Gang zum Bäcker ist enorm ungemütlich.
Ich passiere eine kleine Parkinsel, die sich zwischen den Häuserblocks mir in dem Weg stellt. Einige Spatzen hocken im Geäst und beobachten mich scharf. Zwei kommen herunter geflogen und betteln mich an. Ich ignoriere sie und gehe weiter.
Ich laufe nur noch an hohen Wohnhäusern vorbei, mal pastellgelbe, mal bräunliche. Welche mit Balkon, andere ohne. Manche saniert, andere alt und dreckig.
Mein Umfeld wird lebendiger, je näher ich dem Stadtzentrum komme. Straßen werden von einigen Autos und Rädern befahren, Menschen kreuzen meinen Weg oder laufen mirtmir in die selbe Richtung, weil die Bushaltestelle auf dem Weg liegt. Menschen mir Hunden an den Leinen oder Kindern an den Händen.
Ich muss die Hälfte der Strecke hinter mich haben, jetzt wird es ganz schnell gehen. Ich sehe den hohen Turm nun größer und dominanter sich am Himmel abzeichnen. Die Richtung meines Weges ist überwiegend schnurstracks geradeaus. Und so gehe ich weiter, mit Schweiß im Nacken, und schau mir die Stadt am Morgen an.

14. Februar 2014

Marktszene

Als er den überfüllten Marktplatz erreichte, ertönte das gewaltige Schlagen der Turmuhr. Sieben Mal donnerte die Uhr, und er wusste, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb. Die Sonne sank tiefer und warf lange Schatten um den Marktplatz herum.
Er ignorierte die lockenden Rufe der Marktstandinhaber, die wild durcheinander ihre Waren zu günstigen Preisen anpriesen. Er kümmerte sich auch nicht um die herumstehenden Marktbesucher, um die umherrennenden Kinder und um die streunenden Tiere. Seine Augen blendeten alles aus, sie wollten nur eins finden, ihr Gesicht, und ihre helle Haarmähne, die es umgab.
Er irrte haltlos umher, ging jeder Gasse nach und durchkämmte jeden kleinsten Winkel. Er versuchte, sich in sie zu versetzen; sie war verletzt, hatte nichts bei sich, und im Grunde wusste sie auch nicht, wo sie hin sollte, so kam es ihm vor. Vielleicht war sie aber auch schon längst in Sicherheit, oder gar nicht mehr in der Stadt, dachte er.
Er drängelte sich durch das Herzstück des Marktplatzes, um auf der anderen Seite zu suchen. Gerade, als er die wenigen Stufen zu einem Café hinauflaufen wollte, welches an einer unscheinbaren Seitenstraße lag, sah er aus den Augenwinkel etwas Helles aufblitzen. Nur flüchtig und kaum wahrnehmbar.
Abrupt drehte er den Kopf in die Richtung und suchte gierig wie ein Tier, das Witterung aufgenommen hatte, die Stelle ab. Er versuchte den hellen Punkt einzufangen, zwischen den vielen, grauen Menschen. Wo war er nur, fragte er sich.
Und dann, als sich die Masse für Millisekunden lichtete, sah er ihn. Er hastete los, ohne darüber nachzudenken, ob er das Richtige sah. Es war sein einziger Anhaltspunkt, seine einzige greifbare Hoffnung.
Er quetschte sich an Menschenkörpern, riesigen Pallettentürmen und Ständen vorbei.
Es kam ihm vor, als wollten ihn die Marktbesucher mit Absicht nicht durchlassen. Frauen mit großen Einkaufskörben, Mütter mit ihren Kindern an der Hand und Standverkäufer mit riesigen Kisten kamen ihn ständig in die Quere. Jeder plapperte wirr daher, Kinder schrien, Männer verhandelten, und die Verkäufer läuteten die letzte Einkaufsstunde ein und boten schreiend ihre Ware noch günstiger an.
Er kam dem Punkt immer näher, und als er es endlich schaffte, ihn zu erreichen, sah er doch nur den steinernen Springbrunnen, aus dem ein brauner Hund seelenruhig trank. Kleine Mädchen mit geflochtenen Zöpfen, die am Brunnenrand saßen, sahen auf und schauten ihn mit großen, runden Augen an.
Er sah sich um. Er hatte keine Zeit nachzudenken, er bog einfach in die nächste Seitengasse ein, kaum so breit, dass drei Menschen nebeneinander gehen konnten. Mülltonnen reihten sich aneinander, aus manchen quoll der Müll schon heraus, und mit ihm unangenehme Gerüche. Umgekippte Kisten und Kästen lagen in dem engen Gang und versperrten den Weg, und er blieb beim Drübersteigen und Vorbeidrängeln oft an herabstehenden Holzsplitter hängen.
Mit jedem Schritt, den er ging, nahm der Lärmpegel des Marktes ab. Automatisch ging er langsamer, und suchte jede dunkle Ecke ab. Fast am anderen Ende der Gasse angekommen und mit schwindender Hoffnung, sah er zwischen einer großen Tonne und morschen Holzbrettern, die an der Wand lehnten, Kleidung liegen. Beim Nähertreten konnte er im Dunkeln gerade so eine Gestalt ausmachen; nur schwach reichte das Markt- und Straßenlicht hier hinein.
Es war keine Seltenheit an solchen Orten Obdachlose, Penner und Abzocker anzutreffen. Doch als er die schwach leuchtenden, langen Haare sah, war er sich sicher. Hastig beugte er sich zu ihr hinunter und ignorierte sein rasendes Herz.
Er fühlte ihren Puls und hievte sie hoch, sodass sie sich an der kalten Steinwand des Gebäudes abstützen konnte.
„Hey, kannst du mich hören?“, fragte er flüsternd. Sachte schüttelte er sie an den Schultern.
 Sie stöhnte auf und kam langsam zu sich.
„Lass mich...schlafen...brennt alles“, nuschelte sie.
„Jaja, ich weiß. Du kannst aber jetzt nicht schlafen!“
Flüchtig schaute er zu dem verbundenen Arm, um den er sich selbst noch vor Stunden gekümmert hatte. Er kramte in seiner Umhängetasche herum und zog eine Wasserflasche heraus.
„Los komm, trink was. Ich hab hier auch etwas Zucker für dich.“ Er holte eine kleine Tüte mit Traubenzuckerbonbons aus der Tasche, öffnete sie und schob ihr einfach eins in den Mund. Nur widerwillig gab sie nach.
Sie öffnete langsam die Augen und ihr Blick schwirrte unkontrolliert umher. Er sah, dass es ihr augenblicklich besser ging, ihr Kreislauf schien sich zu stabilisieren. Er hielt ihr die Wasserflasche an den Mund, und gierig nahm sie einige Schlucke. „Hier, nimm noch ein Bonbon. Ich hab dich überall gesucht, du kannst doch nicht einfach abhauen!“
Sie musterte ihn, sagte aber nichts. Er sprach einfach weiter: „Ich bin wie ein Blöder durch die Stadt gerannt und habe dich gesucht. Du kannst doch nicht einfach weglaufen! Ich weiß zwar nicht genau, was mit dir passiert ist, aber dass du Hilfe brauchst, ist ja wohl offensichtlich! Was ist los mit dir? Du hast da echt eine fiese Wunde! Wir sollten doch lieber ins Krankenhaus fahren.“
„Ich werde nicht ins Krankenhaus gehen, und was passiert ist, ist nicht relevant!" Sie schaute ihn nicht direkt an. "Ich hab alles unter Kontrolle!“, entgegnete sie erschöpft aber schnippisch.
Er lachte auf. „Ja, das seh ich. Du kannst ja nicht mal aufrecht gehen. Willst du sterben?“
„Wäre vielleicht gar keine schlechte Idee.“
„Ach komm hör auf, Probleme kann man lösen, und auch wenn du irgendeine schlimme Krankheit hast, kann man dagegen etwas unternehmen! Ich kann dir da gut...“
„Hör auf!“, schnitt sie ihm, mit erhobener Hand, das Wort ab. Trotz des schwachen Lichts funkelten ihre Augen.
Er atmete tief ein und scharf wieder aus. „Was ist dein Problem? Ich will dir doch nur helfen!“
„Genau das ist es, ich will keine Hilfe, ich komm gut alleine klar! Du hättest mich nicht mitnehmen sollen. Du hast dich nur selbst in Gefahr gebracht!“
Er stand auf und fuhr sich machtlos mit den Händen durch die Haare. Er kickte eine leere Dose davon, welche gegen eine volle Mülltonne donnerte.
„Du spinnst ja total! Hast du dich schon mal im Spiegel gesehen?“, brach es aus ihm heraus, und er sprang auf. Er schaute auf sie hinunter. „Du lagst bewusstlos am Boden, und dein Arm sieht aus, als hätte dir jemand ein Stück Fleisch herausgerissen. Mit etwas Glück holst du dir eine Blutvergiftung, wenn du nicht schon vorher irgendwie unter die Hunde kommst. Die Stadt ist nicht so sicher, wie sie am Tage glänzt.“
Sie schloss die Augen und schwieg. Sie war so müde.
 Er lief ungeduldig auf und ab, sie machte ihn noch wahnsinnig!, dachte er.
„Geh einfach, ich hab alles unter Kontrolle, wie oft soll ich das noch sagen. Bin eh bald wieder weg aus dieser Drecksstadt“, sagte sie leise.
Sie kramte in ihren Manteltaschen und fischte ein Haargummi heraus, mit dem sie ihre Haare zusammenband.
Er hockte sich wieder neben sie und sah sie eindringlich an.
„Was ist dein Problem? Warum kannst du mir nicht einfach sagen, was passiert ist? Du bist doch bestimmt nicht einfach so zum Vergnügen hier? Kennst du hier jemanden? Bist du beruflich hier?“
Sie ignorierte ihn und rappelte sich langsam auf, er ging automatisch mit ihr hoch. Ihr war übel und ihr Kopf hämmerte. Das heiße Pulsieren in ihrem Körper ignorierte sie.
„Warum kapierst du es nicht...“, begann sie kaum hörbar zu sprechen. Ihr Mund war wie ausgetrocknet, und ihr ganzer Körper schmerzte, dennoch setzte sie einen Fuß vor dem anderen Richtung Straße. „Lass mich doch einfach in Ruhe, ich will deine Hilfe nicht.“ Sie sah ihn erschöpft an.
„Okay...du willst also, dass ich gehe, dass ich deinen Zustand ignoriere, und wahrscheinlich auch, dass du mit großer Sicherheit schon sehr bald irgendwo tot herumliegen wirst und im Idealfall von Straßenkötern angeknabbert wirst.“
Er funkelte sie wütend an. Sein Herz raste wieder, und irgendein unschönes Gefühl breitete sich in seiner Magengegend aus.
„Schön!“ Er schmiss ihr die Wasserflasche und die Bonbontüte, die er beide noch in den Händen hielt, vor die Füße und rauschte an ihr vorbei. Er verließ die Gasse ohne sich noch einmal umzudrehen. In seinem Kopf drehte sich und tobte alles, er verstand es einfach nicht. Er verstand SIE nicht.
Durch die Gassen irrend, ohne ein Ziel zu haben, lief er immer weiter. Er versuchte die Gedanken an sie zu verdrängen, zwang sich, die Leere in den Kopf zu holen.
Nach etlichen Stunden, so kam es ihm vor, steuerte er den Nachhauseweg an, auch wenn es noch ewig dauern würde. Er lief einfach weiter, und mit jedem Schritt verrauchte seine Wut. Doch das unschöne Gefühl in seinem Magen blieb.

25. Januar 2014

Eisiger Wassertod

Ich schließe meine Augen und tauche ein ins brütend heiße Wasser.
Lasse mich umschließen und sanft liebkosen.
Spüre die Hitze die weit in mir hinein dringt, höre wie mein kleines, schwaches Herz taktvoll pocht.
Sehe blendend weiße Sterne vor meinem inneren Auge, sie wollen mich ziehen, weit weg von hier, ich soll nur folgen.
Doch ich will nicht folgen, will nicht gehen, will mich einfach nur auflösen.
Meine Augen brennen, denn die heiße Flüssigkeit breitet sich überall aus.
Ich denke nichts, nehme nur mein schmerzendes Herz wahr, welches protestierend gegen die Hitze kämpft.
Merke wie mein Kreislauf schwächer wird, das pochen meines Herzens langsamer, und die Glut steigt mir zu Kopfe.
Sie nimmt mich ein und zwingt mich in die Knie.
Meine Haut pellt sich, entblößt rosanes Fleisch.

Drehe in letzter Sekunde den Kaltwasserhahn auf, und eisig strömt das Wasser über mir.
Schneidend dringt die Kälte ein, meine Muskeln krampfen sich zusammen.
Ich krümme mich und fall zur Seite.
Hautfetzen splittern und fallen wie dünne Nadeln zu Boden.
Drängend zieht die Flüssigkeit in mir ein und härtet mich aus.
Ich ertsarre, mein Körper blau gefärbt.
Die Luft ist fort, und lautlos plätschert es unaufhaltsam weiter.

10. Januar 2014

Glanz und Wirklichkeit

Überwältigt von der sternenklaren Nacht, die von seichten Vogelgesang vor sich hin dämmerte, machte ich mich den sandigen Weg hinauf zu dem hiesigen Gebäude, dessen Turmspitzen man schon von weitem sah.
Je näher ich kam, desto mehr Menschen versammelten sich um mich herum. Nahe der Schleuse, ein geschwungenes, wunderschönes Eisentor, beobachtete ich, wie die Massen in glamouriösen Kleidern und adretten Anzügen hineingesogen wurden.
Ich hörte es dumpf beben, und eine Vorahnung, gepaart mit lustvoller Vorfreude, übermannte mich.
So lies auch ich mich einschleusen, und was mich auf der anderen Seite erfasste, verschlug mir den Atem.
Vor mir ein prachtvolles Gebäude, so groß wie in meinen schönsten Träumen, erstreckte es sich weit nach links und rechts und empor. Gewaltige Fenster, so lang und schmal, luden durch schimmerndes Licht ein. Die helle Fassade glänzte, als hätte man sie gerade noch eben auf Hochglanz poliert. Die Turmspitzen ragten weit in den Himmel hinein, und nur die Sonne schien deren Ende zu erahnen. Musik drang nach draußen und stimmte die Atmosphäre fröhlich. Frauen plauderten aufgeregt, Männer begrüßten alte Bekannte und steckten sich ganz nebenbei eine Zigarre an. Links und rechts erhellten dicke Fackeln den Platz, und sorgten für eine gewisse Portion Romantik.
Langsam ging ich weiter, vor mir die großen, braunen Schwingtüren geöffnet. Ich schloß mich den anderen an, und ließ mich ins Innere ziehen. dachte ich draußen schon, ich wäre atemlos, so würde ich jetzt nicht mehr unter den sterbenden weilen.
Meine Augen völlig überfordert, wussten nicht wohin sie schauen sollten, denn überall waren Lichter, kleine und große, überall funkelte und glänzte es, überall lachende Gesichter, überall heiteres Geklimper, überall getanze, überall warmherzige Fröhlichkeit.
Mein Herz war berauscht von den Farben und Klängen dieses Saales! Dieses Zusammenspiel der einzelnen Sinneswahrnehmungen ließ mich in Ekstase auf Wolken schweben. Lichterkugeln kreisten bunt umher, über mir riesige, durchsichtige Ballons, die wie überdimensionale Seifenblasen wirkten, an den Seiten schimmernde Girlanden. Die Pailletten einzelner Frauenkleider funkelten wild durch den Saal, zum mitfeiern auffordernd. Wildfuchtelnd wehten andere mit ihren Fächer umher und machten den Männern schöne Augen. Kellner in perfekt sitzende Smokings reichten Champagner umher, und sorgten dafür dass auch jeder ein volles Glas in den Händen hielt.
Und ich mittendrin. Mitten in diesem Paradies.
Umhüllt von unzähligen, unbekannten Leuten, die Kulisse auf einmal unwirklich erscheinend, fühlte ich mich plötzlich so furchtbar einsam. Ich nippte skeptisch an meinem Glas, und wusste nicht ob ich mir trauen konnte. Langsam setzte ich einen Fuß vor dem anderen, und bahnte mir den Weg zwischen all den wunderschönen gekleideten Menschen durch, bis ich an der momorierten, edlen Treppe stand. Leicht nach rechts gehend schwang sie sich hinauf, als würde es oben noch mehr Überraschungen geben.
Mein Blick folgte ihr und blieb an etwas andrem hängen, welches sich urplötzlich aus der Masse zu heben schien.
Augen schauten auf mich herab, sahen mich an als ruhten sie schon eine Ewigkeit auf mich. Ich spürte die Hitze in meinem Gesicht, doch war ich tief versunken, ja gar gefangen, in diesem Blick, ganz unfähig, jemals wieder meine müden Augen von den deinen abzuwenden. Und auf einmal hörte ich die Musik kaum noch, der Glanz um mich herum verblasste, die Bewegungen der anderen spielten langsamer und schienen unendlich weit entfernt. Ich sah dich so deutlich dort oben stehen, dass ich keine Sekunde zweifelte, dass du Wirklichkeit bist. Und du siehst mich an, als könntest du es selbst kaum glauben. Und beide spürten wir, dass all die vergangene Zeit nun keine Bedeutung mehr hat, dass nur noch dieser Moment zählte, der in purer Zweisamkeit getauft wurde. Wir wussten, dass alles ein Ende haben wird, damit das Neue, Schöne beginnen kann.
So machte ich mich auf, erklomm die letzten steinernen Stufen, und schwang mich in deine Arme, um mich auf Ewig von dir festhalten zu lassen.

5. Januar 2014

Erkenntnis

Ich schließe meine Augen, suche das dunkle Nichts ab.
Gedanken schweifen, verheddern sich, verformen sich, verlieren sich.
Mein Atem flach, fast Herzstillstand. Langsame Geräusche, dumpfe Geräusche.
Etwas ist hier, will zu mir durchdringen, mich einnehmen, umzingeln.
Ich öffne mich, lass es zu. Skeptisch, vorsichtig, langsam.
Zögerndes Tasten, suchen, erahnen. Schwärze, undendliche Weite.
Wie aus dem Nichts, als wurde ich plötzlich geohrfeigt, geschuppst, angeschrien.
Taumle, weiß keinen Schritt, weder links noch rechts, noch vornüber.
Es ist da, sie ist da, umhüllt mich nicht wie ein Nebel, sondern zieht eiskalt und direkt in jeder Zelle meines Körpers.
Sie reißt mich raus, raus aus der Stille, weg von hier.
Borende Panik.
Mein Herz rast, wird schneller, schmerzt in meiner Brust. Immer schneller.
Erkenntnis, so kalt wie lange, spitze Stahlfinger. So klar wie das Weiß, urplötzlich.
Ich kriege keine Luft, sie schnürrt mich zu, zerdrückt mich.
Unfassbarkeit.
Wie blind, wie täuschend blind meine Augen waren. Nicht nur sie, alles.
Atmen, langsam ein und aus, auf die Stille achtend.
Suche das dunkle Nichts ab, suche einen Ausweg, das Weiß, oder ein Grau.
Geräusche, langsame Geräusche, immer lauter.
Ich öffne meine Augen.
Sehe harte Klippen, weites Meer, wütende Wellen.
Geräusche, das Rauschen, pfeifende Böen, drängendes Sein.
Der Wind fährt mir durch's Gerippe, als wär da kein rohes Fleisch, kein warmes Blut, keine bleiche Haut. Nur Leere. Klirrende Kälte
Grenzlose Weite, Himmelsweiß, Wellenschwarz.
Unfähig mich zu bewegen.
Erkenntnis, schiere, blanke Erkenntnis, einfach da.
Die Luft schmeckt faulig, spüre dreckige Gischt im Gesicht.
Ausgelaugt, hohl, vergangen.
Weder weiß, noch schwarz. 

2. Januar 2014

Verborgenes Geheimnis

Dein Lächeln erfasst die ganze Runde, nimmt alle Beteiligten mit auf einer großen Reise. Ich sehe dich im Mittelpunkt glänzen, sehe deine Zufriedenheit. Du fühlst dich wohl, redest dich tiefer, tauchst selbst in den goldenen Himmel ein.
Du stehst mit geradem Rücken da und weißt wohin du willst, gehst zielstrebig immer weiter, jeden kleinsten Gang. Du überlegst nie, springst mutig viele Schritte nach vorn. Dein Lächeln erfasst jedem, reißt alle mit, Tag für Tag aufs neue.
Und jeder spielt mit, lassen sich darauf ein um sich selbst davon zu stärken, warum denn auch nicht. Du springst im runden Dreieck umher und fühlst dich sicher, forderst jeden in deiner Umgebung auf.
Ich sehe es, so wie du den Horizont siehst, und doch spüre ich manchmal das andere tief in dir drin.
Wie gern möchte ich es dir wissen lassen, dass dein verborgenes Geheimnis auch meines ist. Ich möchte dir so gerne sagen, dass es völlig okay ist. Wie gern möchte ich dir zuflüstern, dass ich dich aus dem tiefsten Fall auffangen will, dass du nach mir greifen und dich fest an mich klammern darfst, solange du magst. Möchte dich fest halten und deine Welt in Stillstand bringen, nur für einen kurzen Augenblick.
Und doch weiß ich es, es ist unmöglich, denn du hast es vergraben unter Millionen von dicken Schichten des erfundenen Glücks. Verborgen liegt es im Dunkeln, umhüllt mit der Ignoranz deines Seins. Und ich hoffe, dass die Zeit und das Gelehrte irgendwann siegen werden, und du dich von selbst aus den Mantel der unzähligen Täuschungen wieder auspackst. Ich wünschte, ich könnte dir bei diesem langen, kalten Weg helfen, dir von meinen tiefen Glauben und meiner ewigen Hoffnung ein Stückchen abgeben, dann würdest du einfach wissen, dass irgendwann alles wirklich wahr werden wird, was du nur momentan zu spielen fähig bist.

23. Dezember 2013

Die Einsamkeit in mir

Die Lehne der Bank drückt mir unangenehm in den Rücken, dezent spüre ich die Kälte durch meine Kleidung, die sich schon Stunden zuvor an der Bank festgesetzt hatte. Der Wind säuselt mir kühl ins Ohr, aus Reflex ziehe ich meinen dünnen Seidenschal enger. Kaum merklich fröstele ich, doch fällt es mir schwer, einfach wieder aufzustehen, und meinen Weg fortzusetzen.
Die Sonne ist am Untergehen, und kaum einer bemerkt es. Die letzten Strahlen treffen mich, als wollten sie sich an mich festkrallen, um mich mit in den Horizont zu ziehen. Ich atme tief ein, und stelle mir vor, welche Wärme die Strahlen im Sommer geben würden.
Um mich herum wirbelt die Welt, Menschen hetzen in eiligen Schritten von links nach rechts. Das Getrampel und Gestampfe ist wie der Rhytmus der Zeit, während ich nur ruhig da sitze, und das Geschehen beobachte. Im Hintergrund leuchten kleine Lichter und erhellen den dunklen Tag.
Ich fühle mich erschöpft, lasse meine steifen Gliedmaßen hängen. Meine trüben Augen schauen geradeaus, hinein ins stetig wandelnde Farbenmeer. Ein riesengroßer, bunter See voller Materie, und langsam beginnt alles zu verschmelzen. Der meschanische Ablauf versetzt mich halb in Trance, will mich täuschen und mich mit sich reißen. Ich spüre tief in mir, dass es mir gut tut, und so lasse ich mich innig umschließen und halten.
Völlig eingehüllt, die Außenwelt so unendlich weit weg, macht sich ein Hauch von Geborgenheit in mir breit und schenkt mir Wärme. In diesem Mittelpunkt der dichten, unwichtigen Masse, völlige Zeiltlosigkeit, bin ich gefangen, und auch wieder nicht.
Ich erkenne meine verborgene Einsamkeit tief in mir drin, doch schrecke ich nicht zurück. Sie ist ein Ort der Ruhe, des Schutzes, und des Glücks. Hier ist mein heimliches zuhause, mein Ruhepol, aus dem ich immer wieder neue, nie endene Kraft schöpfen kann. Nur kurz, nur flüchtig, nur für einen winzigen Augenblick. Ein geheimnisvoller Ort, magisch.
Ich seufze, denn ich weiß ich darf nicht lange verweilen. Muss meinen Weg fortsetzen, mich Aufgaben stellen, weiter kämpfen...